Freitag, 19. Dezember 2014

Familienglück

Es ist halb sieben und ich sitze in der U-Bahn. Draußen ist es dunkel, kalt, windig und es regnet. Trotzdem könnte meine Laune nicht besser sein. Denn endlich geht es wieder heim zu meiner Familie! Noch eine Stunde bis zum Flughafen, dann eineinhalb Stunden warten und zuletzt eineinhalb Stunden fliegen (ich weiß, so kurze Strecken fliegt man nicht) bis ich Mami und Papi wieder sehe.
Denn bei aller Selbstständigkeit werde ich doch immer die "kleine" Tochter meiner Eltern bleiben. Und das ist auch gut so!
Und damit startet sie, die kleine Flughafen - Feiertage - Glücksanalyse:

Mir gegenüber in der S-Bahn sitzt eine junge Frau, nur ein bisschen älter als ich. Ihr Koffer ist dafür doppelt so groß, es ist offensichtlich dass sie auch zum Flughafen fährt. Ich meine, ein paar wässrige Augen zu erkennen - vielleicht musste sie sich von jemandem verabschieden, der ihr wichtig ist? Vielleicht ist sie auch einfach nur müde. 

Endlich komme ich am Flughafen an. Ich liebe fliegen und irgendwie liebe ich auch Flughäfen. Es ist immer diese Mischung zwischen Abschied und freudiger Erwartung gepaart mit der Nervosität, was man alles ins Handgepäck gepackt haben könnte, das man nicht dabei haben sollte. 
Bei mir ist es dieses Jahr besonders spannend: mein Koffer, den ich ins Handgepäck schleusen will, ist nämlich eigentlich ein kleines bisschen zu groß. Mal ganz abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, wie viel er wiegt.
Der Koffer ist am Ende nicht das Problem, sondern ich. Natürlich blinkt der Scanner und ich werde zur Seite gezogen. Diesmal darf ich sogar meine Schuhe abgeben, damit sie extra durchleuchtet werden. Ist es verrückt, dass ich jedes Mal Angst habe, dass sie etwas finden, von dem ich genau weiß, dass ich es nicht eingepackt habe? Ein Taschenmesser oder Ähnliches? Man will ja schließlich nicht verdächtigt werden. 

Schon bin ich durch die Sicherheitskontrolle durch und suche mein Gate. Ist am nicht allzu großen Hamburger Flughafen nicht sonderlich schwierig. Das erste, worüber ich mich freue, ist das Turkish-Airlines-Plakat mit Lionel Messi, das mir verkündet, dass ich hier freies W-LAN bekomme. Nur eine Stunde aber hey: ein Hoch auf Turkish Airlines! Das ist hier in Deutschland ja leider immer noch die Seltenheit, meistens bekommt man höchstens kostenpflichtiges Internet. 

Jetzt sitze ich hier und kann dank Turkish Airlines schon ein bisschen an diesem Text schreiben. Ich bin zwar noch 2 Stunden und 700 Kilometer von Stuttgart entfernt aber ich freue mich schon wie ein Schneekönig. 
Bin ich nicht ein Glückpilz?
Schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, eine intakte Familie oder sogar überhaupt eine Familie zu haben. Ich dagegen habe unglaublich tolle Eltern und eine klasse Schwester. Ich weiß, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann.

Apropos Schwester, die ist ja gar nicht da diese Weihnachten. Sie verbringt ihren Heiligabend dieses Jahr in Texas bei gar nicht so warmen Temperaturen, wie ich mir das vorgestellt habe. Also darf ich mich nicht beschweren mit der Entfernung.

Einen großen Unterschied gibt es aber doch. Klar denke ich mir manchmal: "Du hast schon sieben Monate auf der anderen Seite des Atlantiks verbracht, diese Mini-Entfernung ist jetzt wirklich kein Problem." Versteht mich nicht falsch, das ist es ja auch nicht. Ich könnte mir keine schönere Stadt zum Studieren vorstellen.
Aber es ist schon etwas anderes, ob man weiß, dass man zurück kommt, oder (mindestens) für die nächsten drei Jahre wegzieht. Und ich persönlich habe nicht vor, nach dem Studium wieder nach Stuttgart zu ziehen. Dafür gefällt es mir hier viel zu gut! :)

Wie soll ich also schon wissen, wie oft ich meine Eltern in Zukunft pro Jahr sehen werde? In den letzten drei Monaten waren es immerhin zwei Mal. Und natürlich kann ich jederzeit anrufen. 
Aber trotzdem bleibt jedes Mal, wenn ich wieder Stuttgarter Boden betrete, etwas Besonderes. 

Dieses Mal ist der Anlass natürlich ein ganz spezieller: Es ist Weihnachten! Ich muss gestehen, meine Weihnachtsstimmung hat die letzten Wochen ein wenig gelitten. Die ganzen letzten Vorbereitungen lassen die Stimmung doch schnell untergehen. Und wenn es dann noch zehn Grad plus hat, denke ich nicht viel an Weihnachten. 
Aber jetzt, hier am ungemütlichen Flughafen, mit der Spotify Weihnachtsplaylist im Ohr, komme ich wieder in Stimmung. Wenn ich nur an die ganzen schönen Traditionen denke, auf die ich mich freuen kann, breitet sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht auf. Manchmal denke ich mir: Naja, es hat ja jede Familie so ihre eigenen Weihnachtsbräuche. Aber so ist es gerade nicht! Was ist mit denen, die alleine sind an Weihnachten? 
Mag sein, dass es nicht besonders weihnachtlich ist, Pizza oder Bratwurst an Weihnachten zu essen, aber so ist es bei uns nun mal. Es gibt immer irgendetwas anderes zu essen. Klar wurde ich da schon mal schief angeschaut und ich kann es auch verstehen. Aber es ist Teil meines persönlichen Weihnachtens und ich liebe es. 
Denn Familie kann die einfachsten Dinge zu etwas Besonderem machen. 

So, bevor ich mich in meine philosophischen Überlegungen verrenne, höre ich hier auf: Es ist Boarding Time!

Und dann ist es soweit: Wir landen auf Stuttgarter Boden. 


Ich mache mich bereit auf einen Empfang, bei dem ich (wie schon so oft) auch das ein oder andere Tränchen vor Freude weinen werde. 
Falsch gedacht, ich treffe meine Mutter draußen vor dem Flughafen und bei all dem Verkehr bleibt uns gerade so Zeit, Plätze zu tauschen, sodass ich seit langer Zeit wieder Auto fahren kann. 

Aber das Begrüßen wird zu Hause reichlich nachgeholt und nach reichlich Umarmungen bin ich jetzt 100% glücklich!

Ich hoffe es geht euch auch so und ihr habt eine tolle Familie, mit der ihr Weihnachten verbringen könnt.
Eure Lena



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